Auf den Spuren der Tour de France

Klangvoll sind ihre Namen. Sie rufen ein Glänzen in den Augen eines jeden Rennradfahrers hervor. L’Alpe d’Huez, Col du Galibier oder Col d’Izoard – um nur einige zu nennen. Es sind die Bergetappen der Tour de France. Den Schweiß der besten Radprofis haben sie gesehen und zahlreiche Tränen gefordert. Auf den Spuren der Tour de France pilgern jedes Jahr tausende Radsportfans in die französischen Alpen und erklimmen die legendären Pässe mit dem Fahrrad. Im Juli 2019 sollte ich dort meine Premiere haben.

Radurlaub ohne Planung? Ein Versuch!

Was ist schlimmer als Regenwetter im Radurlaub? Genau, Radurlaub mit Dauerregen, Kälte und Schneefall on top. In den Alpen ist man davor selbst im Sommer nicht gefeit. Freiwillig kommt wohl niemand auf die Idee unter widrigen Bedingungen dort aufs Rad zu steigen. Das Problem: Die meisten Berufstätigen legen den Großteil ihres Jahresurlaubs zu Beginn des Jahres fest. Wetter im Urlaub? Ungewiss! Auch wenn in so manchen Tageszeitungen ein „Wetterexperte“ im Januar erklärt, wie sich das zukünftige Sommer-Wetter gestalten wird, so sei an dieser Stelle gesagt, dass dies aktuell KEIN Experte der Welt prognostizieren kann. Leider kann selbst eine Wetterfee das Wetter für die unmittelbar folgenden zwei Wochen in 99 Prozent der Fälle nicht vorhersagen. Sonnenschein oder Regen im Urlaub? Schlussendlich muss man es nehmen wie es kommt. Aber halt! Was wäre, wenn man dem gutem Wetter hinterherfahren würde..?

Col d’Agnel

Das Motto für den Urlaub 2019 lautete: Radfahren wo die Sonne scheint. Konkret bedeutete dies, dass das Reiseziel immer kurzfristig für zwei bis drei Tage im Voraus festlegt wurde. Die Zeichen standen gut, denn das Wetter in Südfrankreich war in der ersten Julihälfte von tendenziell eher trockener Witterung geprägt. Die Sache hatte nur einen gewaltigen Haken: Mein Freund und ich hatten absolut keine Ahnung wo man strategisch in Frankreich am besten ein Quartier bezog. Stark befahrene Straßen wollten wir unbedingt vermeiden, genau wie überlaufene touristische Zentren.

Meister des Kongfufu

Was tun Frauen, wenn sie orientierungslos sind? Klar: nach dem Weg fragen! Ich schrieb eine Bekannte an, die regelmäßig in Südfrankreich ihr Rennrad ausführt. Sie vermittelte mich an einen französischen Freund. Er ist ehemaliger MTB-Profi und kennt die Region Rhone-Alpes wie seine Westentasche. Wir legten unseren Urlaub in die Hände zweier Experten: Petrus und Kongfufu. Zugegeben Petrus bestimmte lediglich das Wetter und die Wetterfee musste die Vorhersagen richtig deuten. Ohne unseren französischen Helfer wären wir aber ziemlich aufgeschmissen gewesen. Kongfufu ist zwar nur sein Spitzname, aber Meister in der Kunst des Touren-Coaching ist er allemal.

Blick auf den Mont Blanc

Optimale Ausgangspunkte ergattern: Ein paar Tipps

Unser erster Anlaufpunkt in Frankreich war Briancon, der ideale Ausgangsort für das Col d’Izoard, Col du Granon, und Val des Pres. Wer eine größere Runde fährt, kann auch das Col de Vars und Col d’Agnel mitnehmen. Die Straßen sind relativ wenig befahren. Kein Vergleich mit den namhaften Alpenpässen in den Zentralalpen. Traumhafte Landschaften, ein wahres Eldorado für alle Rennradfahrer. Unsere Rad-Premiere sollte das Val des Pres werden. Die Straße im Val des Pres war jedoch von jüngsten Murenabgängen teilweise überspült und verschüttet, so dass wir umdrehen mussten und nicht ganz ins Tal fahren konnten. Aber bereits hier zeichnete sich die grandiose Landschaft ab. Stattdessen nahmen wie das Col du Granon in Angriff. Es ist durchweg steil und man drückt sich bis zum Ende hin hoch. Immer wieder fährt man an weidenden Schafherden vorbei. Verkehr gab es so gut wie keinen. Im oberen Teil pfiff ein ordentlicher und eisiger Wind. Wir wurden jedoch mit einem atemberaubendem Ausblick belohnt.

Das Col d’Izoard zu fahren bedeutet Harmonie. Der Pass ist von der Westseite her weniger steil. Dafür geht es ohne große Zwischenabfahrten fast stetig nach oben und die Landschaft hält zahlreiche Schmankerl parat. Auf der Passanhöhe gibt es ein paar Imbissbuden. Ein Snack mit französischem Käse ist ein absolutes Muss. Über 2700 Meter ist das Col d’Agnel hoch und führt zur italienischen Grenze. Neben der direkten Auffahrt von Pierre Grosse, gibt es auch eine kleine Verbindungsstraße von Saint-Veran zur Auffahrt zum Col d’Agnel. In dem Waldstück befinden sich ein Klettergarten und ein dazugehöriges Cafe, in dem es die wahrscheinlich besten Crepes Frankreich gibt. Unbedingt besuchen! Für eine Hin- und/oder Rückfahrt zum Col de Vars eignet sich die kleine Nebenstraße westlich der Hauptroute. Sie führt durch kleine Ortschaften, durch Champcella und La Bâtie des Vigneaux.

Für die nächsten Klassiker bezogen wir ein Quartier in Le Bourg-d’Oisans. Der Ort liegt am Fuß der Auffahrt zu Alpe d’Huez. Der Anstieg ist ein Muss für jeden Radfan. Wirklich schön ist er jedoch nicht. Wer hingegen von Alpe d’Huez den Weg über die Route du Col de Sarenne nimmt wird hier landschaftlich belohnt. Auch die Fahrt nach Westen nach Villard-Reculas bietet eine traumhafte Aussicht. Ebenfalls lohnend sind die Sackgassen über Vaujany und Oulles. Ein Geheimtipp ist auch die Runde über Villard-Notre-Dame. Das Col du Galibier kann man von Le Bourg-d’Oisans zwar auch erreichen, jedoch muss man dafür über eine stark befahrene Straße, die einige Tunnel beinhaltet. Machbar, aber nicht ungefährlich. Einsam ist man hingegen bei einer Fahrt nach Westen zum Col du Sabot. Wer hier nicht in die Sackgasse abbiegt sondern auf der Hauptstraße bleibt, kommt direkt zum Col du Glandon, welches ebenfalls traumhaft ist, wenn auch mit zeitweiligem Autoverkehr.

Lac du Chevril zwischen Cormet de Roseland und Val d’Isere

El Diablo

Unsere dritte Station war das kleine Dorf Le Planay welches neben dem Startort Les Saisies der Tour du Mont Blanc liegt. Die Tour du Mont Blanc ist das härteste Eintagesrennen für Amateure. Stolze 333 Kilometer und über 8300 Höhenmeter sind an einem Tag zu bewältigen. Die Strecke führt einmal um den Mont Blanc herum, durch Frankreich, die Schweiz und Italien. Nicht weit entfernt ist auch der Ort Beaufort von dem aus man den Cormet de Roselend überqueren kann und auch das Val d’Isère wenn man gute Beine hat. Der Cormet de Roselend ist ein wunderschöner Pass. Als wir durch das Waldstück im unteren Teil kletterten, trafen wir den Teufel. DIDI Senft – bekannt als El Diablo oder Didi the Devil – bemalte gerade die Auffahrt mit seinen Teufelszacken. Denn eine Woche später sollte hier die Tour de France über die Straße rollen. Der himmlische Petrus machte dem Teufel und damit auch der Tour de France jedoch einen Strich durch die Rechnung. Die 19. und 20. Etappe der Tour de France wurden von einem Wintereinbruch überschattet und der Cormet de Roselend konnte 2019 nicht von der Weltelite der Tour befahren werden. Wir hingegen hatten noch bestes Sommerwetter. Wir wollten unbedingt einen Abstecher nach Chamonix machen. Das Bergsteigerdorf hat seinen eigenen Charme. Zum einen ist es überfüllt mit Touristen und ich habe mir dort wohl das teuerste Eis meines Lebens gekauft, zum anderen treiben sich dort eingefleischte Bergsteiger umher. Dieser Kontrast auf engstem Raum hat einen besonderen Reiz. Für die Fahrt nahmen wir einen Teil der Strecke, die ebenfalls von den Teilnehmern der Tour du Mont Blanc befahren wird.

Am Kaffee erkennt man den Touristen

Jedes Land und jede Region hat seine Eigenheiten. Das Deutsche Ingenieurswesen ist weltberühmt. Sein Straßenbauwesen ist hingegen eine einzige Katastrophe. Die Deutschen können keine Baustellen. Wenn in Deutschland gebaut wird, wird Wochen vorher schon mal der Bau-Komplex abgesperrt und hunderte Schilder errichtet. Auf der Baustelle sind dann sporadisch Maschinen und Arbeiter zu sichten. Oft steht auch alles still. Die Bauarbeiten ziehen sich über mehrere Monate. Am Col d’Izoard durften wir erleben wie es richtig geht. Unsere Tour führte über den Pass Col d’Izoard zum Col d’Agnel und wieder Retoure. Die Strecke hatte 130 Kilometer und 4000 Höhenmeter zu bieten. In der Abfahrt vom Col d’Izoard konnten wir beobachten wie Bauarbeiter die Gegenfahrbahn für den Verkehr begannen abzusperren. Als wir fünf Stunden auf dem Rückweg den Pass wieder hinauf fuhren, trauten wir unseren Augen nicht. Der Pass war auf dieser Seite wie von Zauberhand komplett neu geteert worden.

Welche Lebensmittel verbindet man mit Frankreich? Baguette und Rotwein natürlich. Auch Käse steht hoch im Kurs. Mit dem modernen, gesunden Lifestyle hat dies alles wenig zu tun. Trotzdem sind die Leute in der Region Rhone-Alpes auffällig schlank. Was gar nicht in dieses Bild passte war, dass an jeder Ecke, auf jedem Plakat und jeder Lebensmittelpackung mit „Butter“ geworben wurde. In Deutschland wäre dies undenkbar. Selbst wenn wir äußerlich eher nicht nach typisch deutschen Touristen aussahen, so war spätestens bei der Bestellung im Kaffee klar, dass wir keine Einheimischen waren. Denn in Rhone-Alps trinkt man seine „Latte“ mit Sahne und nicht mit Milch. Hochgezogene Augenbrauen waren die Folge, wenn ich auf meiner Milch im Kaffee anstatt Sahne bestand. Im Hinterzimmer der Cafes hat man dann wohl den Kopf über uns Touristen geschüttelt.

Col du Galibier

Unser Urlaubs-Experiment hat Dank Petrus und Kongfufu ausgezeichnet funktioniert. Insgesamt muss man sagen, dass die Franzosen in der Gegend Rhone-Alpes allesamt herzlich und bodenständig waren. Für uns Radfahrer landschaftlich ein Traum. Immer und überall spürt man die Seele der Tour de France.

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