Um was es beim Radfahren geht

Sag mir, worum es geht. Sag mir, um was sich beim Radfahren alles dreht. Geht es um Geschwindigkeit? Leistung? Sieg oder Niederlage? Nun, ich glaube die Antwort kann von niemandem klar gegeben werden, denn Radfahren bedeutet für jeden etwas anderes. Radfahren ist extrem vielschichtig. Vielschichtiger als so manch andere Sportart. Schon alleine, deshalb weil sich Radfahrerin den Alltag integrieren lässt. Und ich meine damit nicht, dass man Sport in sein Leben integriert. Versuchen Sie mal Golf oder Basketball in ihren Alltag zu integrieren. Ein Fahrrad ist auch ein Fortbewegungs- und Transportmittel, mit dem täglich Menschen auf der ganzen Welt zur Arbeit pendeln oder ihre Einkäufe erledigen. Und trotzdem ist das Fahrrad selbst für diese Menschen oft mehr als ein nützlicher Gegenstand. Ich fahre täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Ich möchte nicht mit dem Auto fahren. Nicht nur deshalb, weil ich mich vor meiner Arbeit im Büro gerne noch etwas bewege, oder weil ich mit meinem Fahrrad regelmäßig an den Autos im Stau vorbei segeln kann. Das Fahrrad reißt mich aus dem tristen Alltag. Ich fühle das Leben. Ich fühle die Kälte, Hitze, Regen und den Wind. Ich fühle mich lebendig. Ich weiß, dass ich lebe und es nicht nur alles ein Traum ist.

Mein erstes besseres Fahrrad kaufte ich mir nach meinem Umzug nach Oberbayern. Meine Wahl fiel auf ein Cyclocross-Bike, die damals noch nicht in Mode waren. Ich saß fast täglich auf dem Rad und das Fieber hatte mich erwischt und bis heute nicht mehr losgelassen. Ich muss zugeben, dass ich nicht jeden Tag die gleiche Lust fühle Sport zu treiben und Rad zu fahren. Aber ich weiß auch, dass sich spätestens nach 10 Minuten auf dem Rad ein Glücksgefühl einstellt. Daher war es für mich noch nie eine große Überwindung und bisher habe ich es nie bereut.

Bald suchte ich Gleichgesinnte und musste dabei feststellen, dass man mit einem Cyclocrosser bei Rennradausfahrten in der Gruppe keinen leichten Stand hat. Der Rollwiderstand und das Gewicht sind merklich höher und man muss sich viel mehr anstrengen als seine Mitfahrer. So war klar: ein richtiges Rennrad muss her. Neben dem ersten Rennrad, das noch aus Aluminium war, folgte auch mein erster Rennradurlaub auf Mallorca. Und wie jeder Radfahrer weiß, ist die richtige Anzahl von Rädern n+1. Ein Freund von mir ist leidenschaftlicher Mountainbiker, der regelmäßig die Isartrails südlich von München unsicher macht und gerne am Wochenende Mountainbiketouren in den Alpen veranstaltet. Natürlich wollte ich mit und es folgte mein erstes Mountainbike, ein Fully.

Mein Vater hat sicher dazu beigetragen, dass ich heute so gerne Rad fahre. Er besitzt ein altes giftgrünes Stahlrennrad mit Rahmenschaltung. Als kleines Mädchen hat er mich regelmäßig auf seinen Ausfahrten mitgenommen. Ich durfte in einem montiertem Kindersitz hinter ihm Platz nehmen. Ich habe es geliebt mit dem wehenden Wind um die Nase durch die Landschaft zu gleiten. Auch heute empfinde ich immer das Gefühl der Freiheit, wenn mich mein Rennrad aus der Stadt hinaus in die Natur trägt. Schon beim ersten Einklicken in die Pedale bekomme ich regelmäßig eine Gänsehaut. Der Reiz des Radfahrens hat für mich über die Jahre auch nicht nur einen Hauch verloren. Natürlich ist Radfahren für mich auch ein Sport, der zu meiner Gesundheit beiträgt. Aber vor allem bedeutet Radfahren für mich Leidenschaft. Wenn ich auf meinem Rad sitze, ist es eine Meditation. Meine Beine bewegen sich wie von alleine. Ich nehme die Natur sehr intensiv war. Ich fühle mich tief glücklich.

Meine jährliche Kilometerleistung war mit meinem ersten Rad bereits hoch. Ich fuhr jedoch nur für mich. Wettkämpfe interessierten mich nicht. Auch bis heute gilt, dass ich in erster Linie aus Freude am Radfahren aufs Rad steige. Gleich dahinter kommt der gesundheitliche Aspekt des Sports. Wettkämpfe und sich mit anderen messen, liegt nicht unmittelbar in meiner Natur. Allerdings habe ich schon einen ausgeprägten Ehrgeiz. Dieser besteht jedoch nicht darin, andere zu schlagen, sondern mich selbst zu besiegen. Getreu dem Spruch von Laotse: „Wer andere besiegt hat Muskelkräfte, wer sich selbst besiegt ist stark“. Dennoch finde ich es richtig und wichtig einen Vergleich mit anderen Menschen anzustellen, denn nur so zeigt sich, wie weit das eigene mögliche Potential bereits ausgeschöpft ist. Kontinuierliche Verbesserung meiner Selbst, ist mein Antrieb im Leben.

Dieses Jahr gibt es eine höchst spannende Herausforderung: die Teilnahme an der Race Around Austria Challenge im Damenteam. Meine Freundin Anna-Maria und ich haben beschlossen zu zeigen, dass zwei leidenschaftliche, ambitionierte Amateurfahrerinnen in der Lage sind, über sich hinauszuwachsen und zusammen eine Strecke über 560 Kilometer in 24 Stunden zu bewältigen.

Englischer Beitrag auf Veloine.cc

Print Friendly, PDF & Email