Meine Erwartungen waren gedämpft, die Hoffnung aber groß. Bei meiner siebten Teilnahme am Ötztaler Radmarathon standen die Zeichen gut, dass die persönliche Bestzeit für 270 Kilometer mit 5500 Höhenmetern vom Vorjahr (9:00 h) fällt und ich mit 8:59 Stunden oder weniger die 9-Stunden-Schwelle unterbieten kann. Aber es kam alles unerwartet anders.
An dieser Stelle sei zur Einordnung der Finisher-Zeit darauf hingewiesen, dass die Zeit zwischen Mann und Frau (offiziell) eine Stunde Unterschied beträgt, was auch bei der Einteilung der Startblöcke berücksichtigt wird. Die Zielzeit von 9:00 Stunden einer Frau entsprechen 8:00 Stunden bei Männern.

Besonderheiten des Ötztalers
Der Wettergott hatte es dieses Jahr gut gemeint und das perfekte Wettkampfwetter kreiert. Die Sonne schien von früh bis spät und die Regenjacke konnte zu Hause bleiben. In den Bergen sind die Temperaturkontraste groß. Berg und Tal sind zwei verschiedene Welten. Der Ötztaler Radmarathon setzt dabei noch einen drauf. Zum einen sorgt natürlich die Bewältigung von vier Pässen naturgemäß für Temperaturschwankungen in den unterschiedlichen Höhenlagen, aber auch die Streckenlänge ist schuld an den großen Temperaturunterschieden. Der Ötztaler ist ein vergleichsweise langer Radmarathon, bei dem viele Fahrer den ganzen Tag unterwegs sind. Frühmorgens kurz vor Sonnenaufgang gibt es die tiefsten Temperaturen, während die Werte tagsüber steil zulegen, um dann für die letzten Finisher zum Abend wieder deutlich zu fallen. Da die meisten Fahrer um oder kurz nach Mittag in Südtirol in St. Leonhard in Italien dem Ort mit den höchsten Temperaturen eintreffen, verstärken sich die Temperaturkontraste. Dieses Jahr war die größte Herausforderung beim Start des Rennens nicht zu erfrieren. Bei Kühlschranktemperaturen ging es in die Abfahrt nach Ötz. Hier blies ein eisiger Fahrtwind den Fahrern ins Gesicht. Das Frieren war aber nach einer guten halben Stunde mit dem Anstieg ins Kühtai vorbei. Und das Zittern hatte sich gelohnt, denn im Ausgleich dazu, war es in Südtirol dafür nicht – wie sonst so oft – heiß, auch wenn der Anstieg zum Timmelsjoch den Fahrern dennoch zahlreiche Schweißperlen abverlangte.

Mein Rennen
In anderen Jahren hatte ich mein Formhoch bereits im Juni erlangt und war im August wieder auf einem niedrigeren Niveau. Nicht so dieses Jahr. Meine Form war dieses Jahr auf den Punkt. Eine Woche vorher konnte ich meine Intervalle wie geplant durchführen und hatte dabei noch Reserven. Dennoch ließ sich meine Leistung im Rennen nicht abrufen. Die Abfahrt nach Ötz war – verglichen mit anderen Jahren – allgemein eine eher langsame Abfahrt. Am Kühtai konnte ich wieder ein paar Minuten gut machen. Allerdings lag das nicht an meiner Leistung. Bereits am Kühtai merkte ich, dass mein Körper nicht so richtig wollte. Dieses Jahr war ich aber das erste Mal mit nur einer Flasche unterwegs und hatte auch ein Kilo weniger Verpflegung dabei. Das weniger an Gewicht lies mich dann knapp eine persönliche Bestzeit aufstellen, obwohl meine Watt ein paar weniger waren als in anderen Jahren. Oben nahm ich zwei gefüllte Flaschen und Gels entgegen. In der Abfahrt nach Kematen hatte ich einen Schutzengel. Im letzten Drittel der Abfahrt stürzte ein Fahrer vor mir bei der Einfahrt in eine Ortschaft ohne Fremdeinwirkung. Das Fahrrad schoss über die Fahrbahn und ich hatte Glück, dass es mich knapp verfehlte. Da Zuschauer Zugegen waren, gehe ich von einer schnellen sanitären Hilfe aus. Dem Fahrer geht es hoffentlich den Umständen entsprechend gut. Bis zum Brenner wurde gegen kräftigen Ostwind angefahren und auch am Brenner selbst bremste der Wind die Fahrer aus. Zeitweise musste ich abwechselnd mit anderen Fahrern sich aufgetane Lücken im Fahrerfeld schließen. Ich war in einer großen Gruppe unterwegs. Leider fällt mir immer wieder am Brenner auf, dass Fahrer dazu tendieren in einer Reihe zu fahren, anstatt eine stabile Zweierreihe zu bilden, in der alle Kräfte sparen können. Auf der Brenneranhöhe lag ich noch gut in der Zeit mit 3:58 h. Da ich den zweiten Teil der Rennstrecke bereits in 5 Stunden absolviert hatte, wären rein rechnerisch noch unter 9 Stunden Fahrzeit möglich gewesen. Allerdings fühlte ich mich bereits zu diesem Zeitpunkt enorm müde. Am Jaufenpass begann für mich die Hölle. Normalerweise sind meine Ötztaler dadurch gekennzeichnet, dass ich an den letzten beiden Pässen mehr relative Leistung trete als die meisten anderen Fahrer und einen Großteil an Fahrern überhole. Nicht so dieses Jahr. Es ging nichts mehr. Ich versuchte zunächst mit Iso und Gels mehr Energie ins System zu bekommen, aber das hatte keine Auswirkung. Ich fühlte mich so unendlich müde. Ich schielte an den Straßenrand, auf Wiesen und grüne Randstreifen und stellte mir vor, mich dort hinzulegen. Ich schwöre, ich wäre dort eingeschlafen. Diese bleierne Müdigkeit dürfte in einem Radrennen gar nicht auftreten. Adrenalin sorgt normalerweise für einen anhaltenden Wachzustand. Während ich mich den Jaufenpass hochquälte, versuchte ich die Ursache zu finden. Es waren weder Energie, Flüssigkeit oder Mineralien mein Problem, so viel war sicher und meine Beine fühlten sich auch nicht müde oder schwer an. Ich hatte Bedenken, dass ich mir ggf. einen Virus eingefangen hatte und spielte mit dem Gedanken das Rennen DNF zu beenden, um keine gesundheitlichen Schäden davonzutragen. Irgendwie schreckte mich jedoch das Warten auf die Rückfahrt mit dem Besenwagen ab und ich wollte mir auch die Abfahrt vom Jaufenpass nicht entgehen lassen. Nach Verpflegung auf dem Pass, ging ich dann in eine der schönsten Abfahrten. In St Leonhard entschied ich mich dann das Timmelsjoch gelassen anzugehen und im Grundlagentempo das Wetter und die Landschaft zu genießen. Nachdem ich noch Mitte des Timmelsjochs das Gefühl geahabt hatte auf dem Rad einzuschlafen, verflog die Müdigkeit oben allmählich. Auf süßklebrige Gels konnte ich ganz verzichten, da bei dem geringeren Tempo mein Getränk genug Energie lieferte. Zum ersten Mal genoss ich die wunderschöne Aussicht am Timmelsjoch sowie die Abfahrt nach Sölden ohne Druck.

Ursachenforschung und TakeAway
Meine Finisher-Zeit von 9.25 h finde ich höchst beeindruckend. Meine Leistung am Jaufenpass war mit Abstand die niedrigste, die ich je während eines Ötztalers gefahren hatte. Umso erstaunlicher, dass noch eine gute Zeit raussprang. Natürlich profitierte ich von meiner bis dato schnellsten ersten Rennhälfte. Diese war eine Kombination aus weniger Gewicht und der Tatsache, dass ich dieses Jahr eine Gruppe am Brenner hatte, während ich die Jahre zuvor lange Zeit alleine im Wind unterwegs war. Besonders das Gewicht ist für den Ötztaler nicht zu gering einzuschätzen. Ich hatte am Jaufenpass 19 Watt (!) weniger als im Vorjahr und dabei aber nur 9 Minuten Zeitverlust. Am Timmelsjoch verlor ich auf die Zeit aus 2024 20 Minuten. An Jaufenpass und Timmelsjoch waren es damit 29 Minuten auf 2024 und mitunter noch mehr auf meine potentiell fahrbare Zeit, wenn ich meine diesjährige FTP und generell meine Zeiten der anderen Ötztaler Jahre – in denen ich mit mehr Gewicht unterwegs war – dazu ins Verhältnis setze. Die Unter-9-Stunden wären unter „normalen“ Bedingungen möglich gewesen. Für mich heißt das zukünftig: 1. Es weiß zwar jeder, dass Gewicht ein wichtiger Faktor ist, aber der Einfluss auf die Gesamtzeit liegt beim Gewicht merklich über dem Einfluss der Leistung. 2. Das Zufahren von Lücken, um eine Gruppe zu ergattern, ist durchaus lohnenswert.

Die Müdigkeit am Jaufenpass war enorm und natürlich hat sie etwas mit meinem chronischen Schlafmangel zu tun. Bei mir persönlich stellte sich auch große Müdigkeit ein, wenn sich ein Infekt anbahnt. Mein Körper signalisiert, dass er Ruhe braucht und das Immunsystem Energie, um zu arbeiten. Schlafe ich dann ausreichend, kann ich Infekte oft abwehren oder wenigstens abmildern. Tatsächlich bin ich jetzt die Tage nach dem Rennen etwas angeschlagen, aber ich weiß nicht ob ich den Infekt bereits im Rennen gemerkt habe. Ich kann zudem noch eine wichtige Komponente ausmachen: die Hormone. Auffällig war, dass mir die Tage rund ums Rennen, besonders nachts, zu warm war. Dies liegt an meiner Zyklusphase mit erhöhtem Progesteron. In der zweiten Zyklushälfte, der Lutalphase nach dem Eisprung, fallen die Hormone Östrogen und Testosteron ab und in den ersten Tagen steigt das Hormon Progesteron an. Dies bewirkt eine Erhöhung der Körpertemperatur. Des weiteren sorgt Progesteron für verstärkte Müdigkeit und eine schlechte Verwertung von Fetten und Kohlenhydraten, was mit einer erhöhten Entleerung der Glykogenspeicher einhergeht. Progesteron hat nämlich den Zweck für den potentiellen Nachwuchs möglichst viel Energie in der Blutbahn bereit zu stellen, so dass aber für die weibliche Muskulatur weniger übrig bleibt. Dies ist natürlich individuell in der Ausprägung. Tatsächlich berücksichtige ich bereits im Training die Lutalphase und weiß dabei um die Beeinträchtigung meiner Performance und schlechten Regeneration (insbesondere Auffüllen der Kohlenhydratspeicher). Leider lässt sich das nicht von außen beeinflussen und ich muss damit leben und auch Rennen bestreiten. Vielleicht findet sich die ein oder andere Frau (oder dazugehörige Mann) auch wieder. Ich werde das Thema Hormone in einem eigenen Blogbeitrag vorstellen.

Rückblickend ärgert es mich zwar, dass ich die Sub9 Stunden verpasst habe – denn wer weiß schon was beim nächsten Ötztaler dazwischen kommt – aber es ist auch unglaublich beruhigend zu sehen, dass ich mit weniger Anstrengung noch eine sehr gute Zeit herausfahren konnte. Ich habe also noch eine Rechnung mit dem Ötztaler Radmarathon offen und ich komme wieder!

An dieser Stelle ein HERZLICHES DANKESCHÖN an Larissa&Cloodie sowie an das ganze AlpecinTeam für die Unterstützung!
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