Rennrad-Trainingslager auf Zypern 2020

Orkan über Deutschland. Orkantief Sabine wütete im Februar mit Windgeschwindigkeiten von 200 km/h und mehr in Europa. Bei so einem Sturm fliegen einem allerhand Dinge um die Ohren und an längere Radtouren ist nicht zu denken. Wenn es in Deutschland in den Wintermonaten stürmt und schneit, dann zieht es die Radfahrer in wärmere Gefilde. Ein Trainingslager bringt dann die Form für die anstehende Saison. Im Februar durfte ich dem nass-kalten und stürmischem Wetter in Deutschland entfliehen und 2020, wie schon in den Jahren zuvor (mehr dazu), den Beginn der Radsaison auf Zypern einläuten.

Zypern bedeutet ein traditionelles Rendezvous mit Thomas. Thomas Wegmüller ist ein ehemaliger Profiradfahrer und betreibt mit BikeCyprus einen Radverleih für Rennräder sowie Mountainbikes. Er bietet darüber hinaus geführte Ausfahrten an. Er fährt dabei auch selbst als Guide und kennt die Insel wie seine Westentasche. Jedes Schlagloch, jede 20-Prozent-Rampe oder ein gefährlicher, im Nichts endender Trail, sind ihm bekannt. Auch die tückischen Regengitter mit breiten Löchern in Fahrtrichtung, die ab und an wie aus dem Nichts auftauchen und unschön die Speichen ruinieren, kennt Thomas aus dem ff. Als Schweizer bietet er natürlich die Schweizer Radmarke BMC zum Verleih an.

Bikecheck im Radverleih von Thomas

Ausgangspunkt für Dani und mich war die Pissouri Bay im Süden der Insel. Hier legte sich in der geschützten Bucht die Sonne an und die Temperaturen kletterten im Sonnenschein merklich über 20 Grad. Das regelmäßige Ziel unserer Radausfahrten lag hingegen im Troodos-Gebirge rund um den höchsten Berg Olympos mit knapp 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Im Winter hatte es ordentlich geschneit und im Troodos-Gebirge lag in den obersten 500 Höhenmetern zu Beginn unserer Reise noch Schnee. Mit den vielen verschiedenen Baumarten, die zusammen mit zahlreichen Klöstern des UNESCO Weltkulturerbe eine herrliche Landschaft ergeben, ist es im Sommer dort angenehm kühl und viele Menschen suchen vor der Sommerhitze mit bis zu 40 Grad dort Zuflucht. Im Februar hingegen, sehnt man sich nach Sonnenstrahlen in den quasi alpinen Anhöhen. Um uns für die Temperaturunterschiede zwischen dem warmen Küstenbereich und den luftigen Bergregionen zu rüsten, hatten wir dieses Jahr beschlossen, vollen Komfort zu genießen. Dafür gab es anstatt einer minimalistischen Satteltasche mit Schlauch und Werkzeug, einen großen Ortlieb-Seatpack für Wechselklamotten. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass wir den vollen Umfang der Tasche lediglich am zweiten Tag benötigten, an dem es deutlich mehr Wolken als Sonne gab. In den luftigen Höhen betrug die Lufttemperatur 5 Grad. Ansonsten war es an den anderen Tagen im Sonnenschein bei den Auffahrten so warm, dass man kurz-kurz und ohne Windweste unterwegs war und dabei sogar kräftig ins Schwitzen kam. Mein Garmin-Radcomputer zeigte dann 25 Grad im Sonnenschein.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Bei unserer ersten Ausfahrt gesellte sich Wolfram zu uns. Er ist ein Rennradveteran, der seine Radaktivitäten bis heute hochhält. Von ausgefallenen Aktionen wie der Radfahrt zum Mount Everest Base Camp, dem Standard Radurlaub auf den Kanaren oder der Teilnahme am Klassiker Ötztaler Radmarathon, steht bei ihm alles auf dem Programm. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut und so wurden unsere herrlichen Ausfahrten durch geniale Unterhaltungen bereichert. Als erste Radtour hatten wir das Zederntal ins Auge gefasst, welches sich im Gebirge westliche des Olympos befindet. Thomas mahnte uns vorab, dass man früh aufbrechen müsse, da die Tageslänge im Februar natürlich noch mager ausfällt und die Tour viel Zeit beansprucht. Rund 165 Kilometer mit knapp 3000 Höhenmeter sollte die Tour haben. Wir überschlugen kurz die Fahrzeit fixierten 9 Uhr zur Abfahrt. Aus 9 Uhr wurde in der Realität schnell kurz vor 10 Uhr. Noch waren wir frohen Mutes und genossen das Klettern in den teils steilen Anstiegen, immer weiter ins gebirgige Innere der Insel. Als wir die ersten 1000 Höhenmeter hinter uns hatten, passierten wir den letzten größeren Ort Argios Nicolaos und versäumten es unsere Flaschen zu füllen. Der entscheidende Fehler, wie sich später herausstellen sollte. In den letzten Jahren war die Auffahrt nördlich des Ortes weiter ins Gebirge aufgrund gesperrter Straßen nicht möglich. Dieses Jahr wollten wir die Chance der freigegebenen Straße nutzen. Eine kleine Straße schlängelte sich durch den gebirgigen Wald. Und wie es für Zypern so typisch ist, waren wir lange Zeit völlig alleine. Erst als wir in die Nähe eines kleines Dorfes kamen, begegneten wir Jägern. Die Straße war oft überspült oder von Steinen und Erde bedeckt, so dass wir in den Zwischenabfahrten nur zögerlich vorankamen. Es war warm und wir benötigten dringend Wasser. Auf unserer Strecke lagen jedoch nur kleine Dörfer. Wir mussten daher unsere Strecke verlassen und weiter das Gebirge hinauf klettern, um eine größere Ortschaft zu erreichen. Nun hatten wir zwar die meisten Höhenmeter gemeistert, jedoch war nicht sicher, wie die Straßenverhältnisse in der späteren Abfahrt sein werden und ob wir vielleicht mit größeren Hindernissen zu kämpfen haben würden, was unsere Fahrzeit weiter erhöhen würde. Dann würde jedoch die Dämmerung und Dunkelheit ein Problem werden können. Daher beschlossen wir auf Nummer sicher zu gehen, eine alternative Route zurück zur Pissouri Bay einzuschlagen und anbrechende Dunkelheit zu vermeiden.

Ausfahrt im Vierer-Team, Thomas, Wolfram, Wetterfee und Dani (v.l.)

Plastik ist nicht nur im Meer unerwünscht

Die Umrundung des Olympos wartete am dritten Tag auf uns. Noch war der Weg auf den Gipfel mit Schnee versperrt, so dass wir als höchsten Punkt der Tour den Ort Prodromos auserwählten. Thomas war bei der Tour mit an Bord und zeigte uns die schönsten Straßen. Für gewöhnlich plane ich die Routen mit Komoot oder Strava. Die hinterlegten Karten bergen jedoch einige Tücken und sind fehlerbehaftet, so dass man mit dem Rennrad schon mal in Schotterpassagen gerät oder aber befahrbare Straßen gar nicht mit einplant, da sie im Kartenmaterial als nicht geteert dargestellt werden. So kann uns Rennradfahrern einiges entgehen. Thomas kannte jedoch die Insel fernab der virtuellen Realität und so konnten wir einige kleine feine Straßen mit traumhafter Landschaft genießen. Wir trafen ein professionelles „Radpärchen“, die mega begeistert waren, dass sie Thomas Wegmüller getroffen hatten: „Wir müssen ein Foto machen, sonst glaub uns das niemand“. Und ja, Thomas schrammte 1988 nur knapp am Sieg des legendären Frühjahrsklassikers Paris-Roubiax vorbei, als sich auf den letzten Kilometern im Zweikampf mit Dirk Demol an der Spitze eine Plastiktüte in den seinem Schaltwerk verfing und er nicht mehr zu einem seiner berüchtigten Zielsprints ansetzten konnte. Am vierten Tag wurde es windig und ein Sturm kündigte sich an. So hielten wir die Ausfahrt kurz. Der heftige Sturm mit Gewittern, fegte dann aber erst am Abend und in der Nacht über uns hinweg. Am Folgetag war der Spuk schon wieder vorbei und die Sonne strahlte von einem wolkenlosem Himmel. Mittlerweile hatte verbreitet die Mandelblüte eingesetzt und überzog weite Landstriche mit einem zarten Rose. Dani, Wolfram und ich machten einen Abstecher in eine Weinbar und Shop (agrovino wine shop/bar) in Lofou, die sich tagsüber in ein kleines aber feines Kaffee verwandelt und sich bei Radfahrern einer großer Beliebtheit erfreut.

Das Beste kommt zum Schluss

Am Grünen Montag steppt auf Zypern der Bär. Es ist der letzte Tag vor Beginn der Fastenzeit der griechisch-orthodoxen Kirche, die mit dem Osterfest endet. Die Einwohner feiern überall. Grillfesten gibt es überall und viele fahren dazu gerne ins Troodos-Gebirge und auf den Olympos. Der Verkehr war an diesem Tag wie ausgewechselt und plötzlich gab es auch zahlreiche Autos auf den Bergstraßen, wo man für gewöhnlich fast alleine ist. Nachdem die Sonne am Vortag gut geheizt hatte, beschlossen Dani und ich ins Troodos-Gebirge zu fahren, Richtung Olympos, bis uns der Schnee den Weg versperrt. Wir wählten zur Auffahrt kleine Straßen und entgingen damit dem Autoverkehr. Dafür war der Weg recht steil. Die Aussicht entschädigte für die Anstrengung. Dann gerieten wir in eine Nebelwand. Die Sonne verschwand und die Berge hingen voller Wolken. Wir kurbelten weiter nach oben und plötzlich lichtete sich der Nebel und wir fuhren durch die Wolkenobergrenze hinaus in den Sonnenschein. Die Sonne hatte den Schnee bereits schmelzen lassen und die Auffahrt bis auf die Spitze der Insel war frei. Oben war es im Sonnenschein angenehm warm, auch wenn die Lufttemperatur weniger als 10 Grad betrug. Für die Abfahrt packten wir uns warm ein und nahmen den kürzesten Weg zurück zur Küste. Irgendwann geht dann jeder Urlaub zu Ende. So sagten wir: bye bye see you later, beautiful Cyprus.

Schnee auf dem Olympos mit knapp 2000 m Höhe über Null
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