Runder Tritt – Radsport Mythos

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Vorwegnehmen kann ich, dass der Runde Tritt ein Mythos ist. Der runde Tritt wurde Jahrzehnte als das Nonplusultra gepredigt. In der Praxis existiert der runde Tritt nicht und das nicht ansatzweise. Während man früher die Leistung entlang einer Kurbelumdrehung nur näherungsweise messen oder indirekt schätzen konnte, so ermöglichen es nun Leistungsmesser die Leistung während der gesamten Pedal-Umdrehung sehr genau zu messen und sichtbar zu machen. Es zeigt sich, dass es beidseitig einen „toten“ Bereich gibt, in dem keine Leistung erzeugt wird und es während einer Pedalumdrehung sogar zu negativen Kräften kommen kann, die dem Antrieb entgegen wirken.

Entlang der 360-Grad-Umdrehung der Pedale wirken unterschiedliche Kräfte. Diese tragen in Summe schlussendlich zur Gesamtleistung während einer Pedalumdrehung bei. Für einen Runden Tritt wird gefordert, dass diese Kräfte während der gesamten Bewegung in positiver Weise wirken und dabei Leistung bzw. Energie erzeugen. Um dies zu veranschaulichen werden die 360 Grad für gewöhnlich in vier Abschnitte eingeteilt: Schubphase, Druckphase, Zugphase, Hubphase.

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Die Druckphase ist das was jeder intuitiv beim Radfahren als kraft-erzeugende Phase empfindet. In dieser Phase wird die meiste Leistung erzeugt (rund 70 Prozent) und sie ist entscheidend für die Gesamtperformance. Die Druckphase beginnt definitionsgemäß bei 45° und endet nach 135°. Vorher und nachher ist es kaum möglich Druck mit der Fußunterseite am Pedal zu erzeugen. Bei ca. 90 Grad herrschen biomechanisch die günstigsten Bedingungen und hier wird die maximale (Tangential-) Kraft erreicht. Nach der Druckphase beginnt bei 135° die Zugphase. Sie endet nach 225°. Das Pedal wird mit leicht erhöhter Ferse zunächst nach hinten und dann oben gezogen. In dieser Phase werden individuell zwischen 10 und 20 Prozent der Leistung erzeugt. In der Hubphase wird fast ausnahmslos keine Energie erzeugt. Selbst Profis erzeugen hier meist keine Leistung. Ausnahmen stellen Bewegungen z.B. bei kurzen Antritten im Stehen wie bei Sprints dar. Die Schubphase leitet die wichtige Druckphase ein und ist wichtig für die Kraftentfaltung der Druckphase. Die Phase beginnt bei 315° und endet nach 45°. Hier können entscheidende Fehler gemacht werden. Beobachtet man Radprofis, so erkennt man, dass in dieser Phase die Ferse nur leicht oberhalb der Fußspitze gehalten wird. So kann nach erfolgter Bewegung der Spitze nach vorne umgehend in die Druckphase übergeleitet werden. Viele Radfahrer machen hier den Fehler die Ferse zu stark anzuheben und die Schuhspitze nach unten zeigen zu lassen. Das mag zwar „cool“ aussehen und sich „gut“ anfühlen, ist aber ineffizient. Wird die Ferse zu stark erhöht und deutet damit die Spitze eher nach unten als nach vorne, so wird die Druckphase zu spät eingeleitet und/oder zu wenig Druck aufgebaut.

Quelle: https://bikeacademy.com/

Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die „Q-Rings“, das englische Kürzel für ovale Kettenblätter. Durch ovale Kettenblätter soll in der Theorie eine Optimierung der Pedalkraftverteilung passieren, was die mechanische Leistung verbessern kann. Auch wenn die ovalen Kettenblätter bereits seit Jahrzehnten auf dem Markt sind und wissenschaftlich untersucht werden, so gibt es keine klare Aussage zu ihrem Nutzen. Dies mag in der Individualität der Pedaliertechnik begründet sein. Einige Sportler scheinen einen Vorteil durch die Q-Rings zu erfahren, bei anderen zeigen sich auch Nachteile. Hier sollte jeder Sportler selbst entscheiden, ob er die ovalen Kettenblätter testet und für sich einen möglichen Vorteil erzielen kann.

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Zwei wichtige Punkte werden hinsichtlich der Trittoptimierung – ebenso beim Bikefitting – in den aller meisten Fällen vergessen:

Erstens: Für eine Optimierung muss der Wirkungsgrad des gesamten Systems beachtet werden. Ein Radfahrer weist sowohl einen biomechanischen als auch einen physiologischen Wirkungsgrad auf. Der Runde Tritt verlangt einen maximalen mechanischen Wirkungsgrad, so dass über die gesamte Kurbelumdrehung positive Kräfte wirken. Dies ist für die meisten Fahrer aber nicht identisch mit dem besten biomechanischen Wirkungsgrad. Und selbst wenn dieser durch einen runden Tritt optimiert werden würde, so muss nicht zwangsläufig der gesamte Wirkungsgrad maximal sein, denn es gibt auch einen physiologische Wirkungsgrad. Die Entlastung der Muskulatur in der Hubphase trägt zu einer merklichen Verbesserung des Gesamtwirkungsgrades bei. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen mit Profiradfahrern zeigte sich, dass der Fokus auf eine Maximierung der Druckphase gelegt werden sollte und dass für die Hubphase nur eine Entlastung des Pedals angestrebt werden sollte. Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Tritttechnik höchst individuell ist und daher auch nicht mit Standardprogrammen eine Verbesserung erzielt werden kann. Hier kommt der zweite oft vergessene Punkt ins Spiel.

Zweitens: Die 3D-Betrachtung des Körpers und das Zusammenspiel der Muskelketten des GANZEN Körpers wird vernachlässigt. Bei der Pedalbewegung wird oft mit einem zweidimensionalen Blick auf die Bewegung geachtet. Die dritte Dimension, die quasi senkrecht zur Kurbel und zum Rad steht wird vergessen (leider oft auch bei vielen Bikefittings). Betrachtet man einen Radfahrer von hinten, lässt sich häufig eine unsymmetrische Haltung und/oder Bewegung erkennen. Der Kopf wird leicht schief zu einer Seite gehalten, ein oder beide Knie führen eine Bewegung nach außen oder innen durch. Wenn die Knie eine seitliche Bewegung vollführen, kann es ganz einfach an einem zu hohen oder niedrigen Sattel oder anderweitig schlechten Einstellungen am Fahrrad liegen. Allerdings muss man bedenken, dass im Gegensatz zu einem Fahrrad, kaum ein Mensch völlig symmetrisch ist. Sehr häufig besteht eine leichte Skoliose der Wirbelsäule, die sich zum Beispiel in einer schiefen Kopfhaltung, in einer unsymmetrischen Hüfte und unterschiedlicher Beinlänge äußert. Der Versuch mit einem Bikefitting die dreidimensionale Ungleichheit zu beheben, ist meist zum Scheitern verurteilt. Leichte Differenzen der verschiedenen Körperpartien sind nicht problematisch, sollten aber bei der Leistungsanalyse bedacht werden. Größeres muskuläres Ungleichgewicht sollte durch eine Physiotherapie korrigiert werden und nicht durch unausgeglichene unsymmetrische Anpassungen an Rad und Schuhen.

Bildschirmaufnahme meines Radcomputers während einer Indooreinheit. Zu sehen: Leistungsverteilung während einer Kurbelumdrehung links und rechts mit den höchsten Leistungen in der Druckphase

Fazit:

Lange Zeit galt der runde Tritt als Non-Plus-Ultra. Betrachtet man jedoch das gesamte Zusammenspiel der aktivierten Muskulatur beim Radfahren, so kann es bei Aktivierung von Muskulatur in diesem Bereich sogar negative Effekte haben. Auftretende Kräfte können sich entgegenwirken und kompensieren. Der Krafteinsatz steht oft in keinem Verhältnis zur erzeugten Leistung, d.h. der Energieaufwand ist höher als die ankommende Energie an der Kurbel. Schlussendlich nimmt man der Muskulatur durch einen möglichst Runden Tritt auch wichtige Erholungsphasen während des Pedalierens. Mit den moderne Leistungsmessern kann die erzeugte Leistung sichtbar gemacht werden. Der Runde Tritt kommt in der Praxis quasi nicht vor und ist auch nicht erstrebenswert. Wichtiger ist es die Trettechnik so zu optimieren, dass besonders die Druckphase optimiert werden kann, wobei hier die Schubphase einen großen Einfluss nimmt. Ausgeprägte Bewegungen im Fußgelenk sind zu meiden.

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Literatur:

Grant Petersen, Just Ride: A Radically Practical Guide to Riding Your Bike, Workman Publishing Company, May 2012, ISBN-10:‎ 0761155589, ISBN-13: ‎978-0761155584

MARTIN HILLEBRECHT / ANSGAR SCHWIRTZ / BJÖRN STAPELFELDT / WOLFGANG STOCKHAUSEN / MARTIN BÜHRLE Trittechnik im Radsport: Der „runde Tritt“ – Mythos oder Realität? PDF: http://spt0010a.sport.uni-oldenburg.de/PDF/DERRUNDETRITT.pdf, Diese Arbeit wurde vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft unter der folgenden Projektnummer gefördert: VF0407/06/04/97 abgerufen 01.06.25

Wolfgang Petzke: Muskelleistung und Wirkungsgrad beim Radfahren. Leistung der Gelenkbewegungen – Erklärung zum „runden Tritt“. In: Leistungssport. Nr. 3, 2006, ISSN 0341-7387, S. 47–54. Onlineversion: http://www.caloped.de/LeistungDerGelenkbewegung.pdf abgerufen 01.06.25

Koçak, Fatih & Ertan, Hayri & Pınar, Salih. (2024). Effects of Different Chainring Designs on Cycling Performance: Oval Versus Circular. Sportif Bakis Spor ve Egitim Bilimleri Dergisi. 1. 113-121. 10.33468/sbsebd.378.

Childers WL, Kistenberg RS, Gregor RJ. The biomechanics of cycling with a transtibial amputation: Recommendations for prosthetic design and direction for future research. Prosthet Orthot Int. 2009 Sep;33(3):256-71. doi: 10.1080/03093640903067234. PMID: 19658015.

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