Gnadenlose Wetterlage beim Ötztaler Radmarathon 2018

Prolog: Der alljährliche „Wettergipfel“ fand 2017 in Tirol statt. An drei Tagen ist der Wettergipfel internationaler Treffpunkt von Meteorologen und TV-Moderatoren mit dem Hintergrund „Wetter und Klima“. Für 2017 wurde die Region Obergurgel-Hochgurgel im Ötztal als Tagungsort ausgewählt. Auf der Veranstaltung unterhielt ich mich mit Oliver Schwarz, dem Geschäftsführer des Ötztal Tourismus. Als er hörte, dass ich Rennrad fahre und bereits am Ötztaler 2016 teilgenommen hatte, wurde die Idee geboren, dass ich 2018 beim Ötztaler Radmarathon als „Wetterfee“ fungieren könnte. Denn was ist authentischer als ein Meteorologe, der seine Wettervorhersage später auch selbst „durchleiden“ muss.

Großwetterlage am Renntag um 14 Uhr MESZ. Modell GFS. Original von http://www1.wetter3.de

Die Wetterlage war für einen Alpenradmarathon alles andere als rosig. Bereits eine Woche vorher kündigte sich in den Wettermodellen für das Rennwochenende eine nahezu winterliche Witterung in den Bergen an. Leider blieb die Vorhersage persistent: Ein Trog, der über Mitteleuropa bis nach Italien reicht und von dem sich am Wochenende ein Kaltlufttropfen abschnürt, sollten das Wetter der Ötztaler Strecke prägen. Die Tage vor dem Rennen, regnete es häufig und teils in Strömen und in den höheren Lagen gab es – wie am Vortag auf dem Timmelsjoch – Schneefall. Die Niederschläge sollten laut Modellen von Samstag auf Sonntagfrüh nachlassen und der Sonntagvormittag dann vorübergehend freundlicher werden, bevor im Tagesverlauf eine erneute Labilisierung einsetzt. Bei diesen Wetterlagen ist aber nur eins klar: es kann alles ganz anders kommen. Tja was macht man da als Meteorologe? Sich hinstellen und sagen: egal was ich jetzt sage, es kann völlig anders eintreffen? Nein, das will keiner hören. Also wühlt man sich durch die Modelle und lotet die Grenzen der Wetterlage aus, um Extreme richtig einzuschätzen und das Wetter mit der größten Wahrscheinlichkeit für die Vorhersage auszuwählen. Schon beim Frühstück am Samstag im Hotel packte ich meinen Laptop aus, um die neusten Modellberechnungen zu analysieren. Am frühen Nachmittag war der Pressetermin in der James Bond Erlebniswelt, im 007 Elements, angesetzt. Das Gebäude liegt auf 3040 Meter über dem Meeresspiegel im Inneren des Gaislachkogls. Oben war alles winterlich und die Journalisten warteten gespannt auf meinen Vortrag zur Wetterprognose. Obwohl ich die naturgemäße Unsicherheit der Wetterlage hervorhob, war die Wahrscheinlichkeit für Schneefall äußerst gering, denn sowohl Temperatur als auch Taupunkt ließen als möglichen Aggregatszustand für Niederschlag nur Regen zu.

Wetterprognose zur Fahrerbesprechung mit Dolmetscher für die italienischen Teilnehmer

Nach der Presskonferenz hatte ich kurz Zeit alle meine Sachen fürs Rennen bereit zu legen, bevor ich die neuen Modelldaten abrief, um mögliche Änderungen der Prognose für die Fahrerbesprechung zu treffen. Bei den neuen Modellläufen drifteten die unterschiedlichen Wettermodelle etwas auseinander. Es war unklar, wie lange sich der nächtliche Niederschlag bis in den Vormittag hinein fortsetzen würde. Beim Ötztaler Radmarathon EINE Vorhersage zu treffen ist quasi unmöglich, wenn man bedenkt, dass sich die Fahrzeit der Teilnehmer um bis zu rund 7 Stunden zum Ende hin unterscheidet. So kann das vordere Feld ein ganz anderes Wetter erleben als der langsamere Teil der Fahrer. Da die Regenwahrscheinlichkeit für das Rennen 2018 zu keinem Zeitpunkt und an keinem Streckenabschnitt kleiner 30 Prozent lag, sondern vielmehr deutlich darüber, hätte man als Wettersymbol für eine Prognose eigentlich überall ein Regensymbol setzten können. Das hätte dann jedoch ein zu düsteres Bild gezeichnet, denn es war anhand der Prognosedaten durchaus wahrscheinlich, dass Fahrer komplett trocken durch den Tag kommen. Morgens war noch Regen möglich, der aber abziehen sollte. Und dann stieg die Wahrscheinlichkeit vor allem ab dem Brenner für schauerartigen Regen und Gewitter wieder im Tagesverlauf an.

Auftakt bei der Fahrerbesprechung zur Wettervorhersage mit Dolmetscher (rechts) und Organisator Dominic Kuen (links)

Keine Frage, das Wetter in den Alpen kann sich von Tal zu Tal und von Berg zu Tal komplett unterscheiden. Wissen tut das quasi jeder, nur so wirklich bewusst wir einem das erst, wenn man es selbst erlebt. Beim Ötztaler 2018 wurde dies den Teilnehmern wunderbar vor Augen geführt. Der Start war trocken und auch die Abfahrt nach Ötz und der Fuß des Kühtai hatten nur selten nasse Straßenstücke zu bieten. Die geringste Regenwahrscheinlichkeit wurde von den Modellen für den späteren Vormittag Richtung Innsbruck veranschlagt. Und an der Wetterstation in Innsbruck war es auch die meiste Zeit trocken. Lediglich zwischen 10 und 11 Uhr MESZ wurden magere 0.1 Liter pro Quadratmeter registriert. Zwischen Innsbruck und Kühtai hingegen, hatte es in der Abfahrt in Strömen geregnet und die Verdunstungsabkühlung die Temperaturen auf teils 4 Grad im oberen Teil des Kühtai gedrückt. Am Brenner setzten die ersten Schauer bereits am Vormittag und nicht erst ab Mittag ein, so dass vor allem die schnellen Radfahrer nass wurden. Für einen Meteorologen sind diese Abweichungen zur Modellprognose bei der gegebenen Wetterlage nicht verwunderlich. Einem Rennradfahrer muss die Wettervorhersage rückblickend wie blanker Hohn vorkommen, besonders wenn er sich Nässe und Kälte ausgesetzt sieht. Der Nachmittag gestaltete sich hingegen wenig spektakulär. Zeitweise war es freundlich mit Sonnenschein, bevor von Italien vermehrt Schauer und Gewitter aufzogen.

Rückblickend muss ich als Meteorologe sagen, dass die Wetterlage und das resultierende Wetter sich absolut entsprachen und die Prognose der Modelle – hinsichtlich der Rahmenbedingungen mit Wetterlage und Vorhersageregion „Alpen“ – die erwartbare Unschärfe nicht überstrapazierten. Als teilnehmender Radfahrer würde ich das Ganze als gnadenlos betiteln.

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