Warum COVID-19 aka Corona auch gesunden Sportlern gefährlich werden kann

Das Corona- bzw. Covid-Virus heißt mit vollem Namen SARS-CoV-2 (severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2) und ist ein sogenanntes Beta-Coronavirus, welches Ende 2019 erstmals auftrat und Anfang 2020 als Auslöser der Erkrankung COVID-19 (Akronym: englisch coronavirus disease 2019) identifiziert wurde. Coronaviren haben unter Säugetieren und Vögeln eine weite Verbreitung. Beim Menschen treten bei einer Infektion vorwiegend milde Erkältungskrankheiten, aber auch schwere Lungenentzündungen auf. Das SARS-CoV-2 verwendet ein bestimmtes Enzym (ACE-2) als Rezeptor, um in den Körpereinzudringen. Potentielle Wirtszellen für das Virus, mit den passenden Andockstellen, finden sich nicht nur im Atemwegstrakt, sondern vor allem auch im Darm, in Gefäßzellen, in der Niere, im Herzmuskel und in weiteren Organen. Daher gehört zum Beispiel auch Durchfall – im Gegensatz zum gewöhnlichen Schnupfen – häufig zu den Symptomen einer Infektion. Und im Gegensatz zu den „harmlosen“ Corona-Viren, kann es unter anderem zu schweren Nierenerkrankungen mit Nierenversagen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen.

Eines der am häufigsten genannten Argumente gegen eine Impfung oder das Tragen einer Maske als Eigenschutz ist: ein gutes Immunsystem. Natürlich ist ein gut arbeitendes und stabiles Immunsystem ein wichtiger Baustein bei der Verhinderung von Krankheiten. Genau wie ausreichender Schlaf, eine gesunde Ernährung oder viel Bewegung, ist es jedoch kein Garant für Gesundheit. Krebserkrankungen treffen selbst Gesundheits-Asketen, eben auch Radsportler. Ein starkes Immunsystem schützt nicht vor Viruserkrankungen. HIV (Aids-Virus), Herpes- oder Hepatitis-Viren scheren sich einen feuchten Kehricht um die sportliche Fitness des Wirts. Bakterieninfektionen wie Typhus eliminieren gesunde Menschen. Wie dem auch sei, natürlich ist das Covid-Virus in der Masse viel weniger gefährlich als die eben genannten Krankheitserreger, allerdings sind eben auch extrem gesunde und fitte Sportler nicht gefeit.

Beim Immunsystem gibt es nicht schwarz und weiß und auch keine Graustufen. Es gibt keine klar abgegrenzten Kategorien „gut“, „schlecht“ oder „mittelmäßig“. Das Immunsystem besteht aus vielen Faktoren, es ist bunt. Nicht umsonst suchen wir unsere Partner – bewusst oder unbewusst – auch mit Hilfe der Nase aus. Vor allem Frauen besitzen einen sehr gut ausgeprägten Geruchssinn, um oligofaktorisch zu ermitteln welcher Partner biologisch zu ihnen passt. Hier geht es vor allem darum, dass potentieller Nachwuchs ein möglichst „gutes“ und umfangreiches Immunsystem bekommt. So erschnuppert sich die Frau das Immunsystem ihres Gegenübers (Männer wie gesagt auch, aber weniger intensiv). Hat ein Mann ein komplementäres Immunsystem zur Frau, so riecht er für diese Frau besonders verführerisch. Ähnliche Immunsysteme verursachen bei der Frau eher Ablehnung vor dem Eigengeruch des Mannes. Gerade Blutsverwandte und besonders Vater und Tochter können sich meist „nicht riechen“, was auch als Schutz vor Inzucht fungiert. So kann jedoch eine Frau einen Mann „ablehnen“, obwohl er ein „sehr gutes“ Immunsystem besitzt. Gäbe es einen absoluten „Wert“ für die Güte eines Immunsystems, würde bei der Fortpflanzung im Laufe der Evolution die Merkmale dafür generell von potentiellen Partnern begehrt werden. Dem ist jedoch nicht so und jedes Immunsystem hat Stärken und Schwächen. Einige Menschen besitzen ein Immunsystem, welches SARS-CoV-2 leichter abwehren kann. Allerdings wissen wir (noch) nicht welche Merkmale darauf hindeuten. Das Immunsystem enthält zahlreiche Bestandteile. Zu den vielen unterschiedlichen Zellen unseres Immunsystems gehören u.a. die bekannten „Killerzellen “ wie die T-Lymphozyten. Bestimmte Proteine unseres Immunsystems fungieren als Botenstoffe oder dienen der Abwehr von Krankheitserregern. Aber auch die Psyche spielt eine Rolle. So stehen Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem mit unserer Psyche in Wechselwirkung. Depressionen sind nicht nur „schlechte Gedanken und Gefühle“, sondern messbare Stoffwechselveränderungen des Gehirns. Depressionen bereiten uns Schlafprobleme und Schlafmangel kann zu Depressionen führen. Diese Komplexität unseres Immunsystems zeigt wie verwundbar vermeidlich gesunde Menschen sein können, sobald die Achillesferse ihres sonst so starken Immunsystems getroffen wird.

Eine Besonderheit bei Corona ist, dass es neben einer akuten Erkrankung auch zu Fällen einer langwierigen Symptomatik nach einer Infektion kommen kann. Umgangssprachlich wird dies Long-Covid genannt, wobei der Begriff etwas irreführend ist. Die akuten Covid-Symptome sind meist verschwunden und dennoch leiden Betroffene an Beschwerden nach einer Covidinfektion. Dieses Post-Covid-Syndrom zeigt sich unterschiedlich. Laut Robert-Koch-Institut RKI gehören zu den häufig Beschwerden Müdigkeit, Erschöpfung, Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen, Muskelschwäche und -schmerzen sowie psychische Probleme wie depressive Symptome und Ängstlichkeit. Des weiteren zeigt sich auch eine Verschlechterung der Lungenfunktion sowie Leber- und Nierenfunktionseinschränkungen, Herzmuskelentzündungen und das Neuauftreten eines Diabetes mellitus. Besonders auch der letztgenannte Punkt hat einige Wissenschaftler aufhorchen lassen. Diabetes Typ 2 ist nicht wie Diabetes Typ 1 ein primäres Problem der Bauchspeicheldrüse. Bei Diabetes-Typ-2 zeigt sich, dass die Betroffenen selbst unter relativ geringer körperlichen Belastung nicht mehr ausreichend in der Lage sind ihre Fettverbrennung zu aktivieren. Ein wesentlicher Teil der Energie wird aus der Zerlegung von Zucker gewonnen, wobei Laktat entsteht. Selbst gesunde, leistungsfähige Sportler ohne Vorerkrankungen wurden von Post-Covid stark getroffen. In Leistungstests mit betroffenen Sportlern zeigte sich Erschreckendes. Ihre Werte glichen denen von Typ-2-Diabetikern. Ihre Fettverbrennung war gestört. Die Energiegewinnung aus Fettsäuren geschieht über die Kraftwerke in unseren Zellen, den Mitochondrien. Auch andere Symptome von Long-Covid deuten auf eine Störung der Mitochondrienfunktion hin. Die Erschöpfung, die Betroffene monatelang begleiten kann, ähnelt dem chronische Fatigue-Syndrom (CFS), dessen genaue Ursache bislang nicht geklärt ist. Die Liste möglicher Auslöser ist lang. Im Zusammenhang mit diversen Viruserkrankungen wie Dreitagefiebers, Herpesviren, Enteroviren, Influenza, aber auch nach bakteriellen Erkrankungen ausgelöst durch intrazelluläre Bakterien wie Chlamydien, Legionellen oder Coxiellen, tritt das chronische Fatigue-Syndrom CFS auf. Festgestellt werden kann eine anhaltende Aktivierung des Immunsystems, selbst wenn keine Viren mehr nachgewiesen werden können und die Erkrankung abgeklungen scheint. Festgestellt werden kann auch eine Störung der Mitochondrienfunktion. Einige Viren und Bakterien nutzen Mitochondrien, um die zelluläre Umgebung für ihre Zwecke zu verändern. So könnte auch bei COVID-19 eine solche Veränderung im mitochondrialen Stoffwechsel stattfinden und Ursache von Long-Covid sein. Sport erhöht die Größe der Mitochondrien, ihre Anzahl in den Zellen und verbessert ihre Funktionalität. Jedoch schützt es nicht vor Long-Covid. So wie jeder Mensch in seinen Zellen sein individuelles Erbgut in Form der DNA besitzt, so besitzen auch Mitochondrien ihre eigene mDNA. Dieses Erbgut der Mitochondrien hat mitunter Einfluss darauf wie anfällig Mitochondrien auf einen Angriff von Viren oder Bakterien sind. Zwar zeigen wissenschaftliche Studien, dass eine Infektion mit dem Coronavirus nach einer Impfung weniger wahrscheinlich ist und dass COVID-19 durchschnittlich weniger schwer verläuft, jedoch gibt es hinsichtlich eines Schutz vor Long-Covid bislang keine einheitlichen Ergebnisse.

Was bleibt unterm Strich übrig? Panik oder Angst vor einer Infektion sind sicher keine Lösung. „Respekt“ vor COVID-19 als ernstzunehmende Erkrankung ist jedoch angebracht. Wie zum Schutz vor anderen Infektionskrankheiten auch, gilt es den aktiven und passiven Schutz hochzuhalten. Selbstverständlich bleiben die Regeln des passiven Schutzes bestehen: ausreichend Schlafen, gesunde Ernährung und ausreichend Sport bzw. Bewegung. Dabei gibt es kein allgemeingültiges Rezept, sondern nur das individuelle Optimum. Aktiver Schutz vor Covid heißt mitunter Abstand halten und geschlossene Räume regelmäßig durchlüften.

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Weiterführende Literatur

Robert-Koch-Institut RKI: Gesundheitliche Langzeitfolgen (Stand: 19.4.2022) https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/NCOV2019/FAQ_Liste_Gesundheitliche_Langzeitfolgen.html

Robert-Koch-Institut RKI: Epidemiologischer Steckbrief zu SARS-CoV-2 und COVID-19 https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html;jsessionid=54F691D56B01586DD48412C3EFFD27F6.internet062?nn=13490888#doc13776792bodyText1

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