Der weiße Berg – Mont Blanc Besteigung

Prolog

Unsicherheit, warten und bangen. Wird die Mont Blanc Besteigung trotz des kürzlich gefallenen Neuschnees möglich sein? Seit dem wir uns auf der Cosmique Hütte einquartiert hatten, schauten wir mehrmals täglich auf die vor uns thronende Steilflanke, die die ersten Höhenmeter unserer Tour markierte. Zunächst wagte sich niemand auch nur in die Nähe des Anstiegs. Zu oft war in der Vergangenheit bei frisch gefallenem Schnee und anschließender Sonneneinstrahlung Schnee ins Rutschen gekommen. Lawinen hatten auf der Route bereits mehrere Bergsteiger begraben. Auch am nächsten Tag stieg niemand hinauf. Nur ein paar Neugierige konnten wir von der Terrasse der Hütte beobachten, wie sie sich an den Steilhang herantasteten. Schließlich setzte sich der Schnee mehr und mehr und einige Bergsteiger, kletterten bis zur ersten Gletscherspalte empor. So entstand bereits eine erste Linie im Schnee und bei der eigentlichen Besteigung, sollte niemand in der Dunkelheit spuren müssen. Nach Einschätzung des erfahrenen Hüttenwirts, sollte sich der Schnee bis zu unserem geplanten Aufstieg gesetzt haben und eine Besteigung möglich sein. Einen Tag länger zu warten, wär wiederum nicht möglich gewesen, da das Wetter wieder umschlug. So hieß es, die Gunst der Stunde nutzen.

Erste Sonnenstrahlen nach der Dunkelheit über der Mont Blanc Region

Die Besteigung des Mont Blanc begann bereits am Vortag. Vor dem stärkenden Abendessen und einer frühen Bettruhe, mussten auch alle unsere Sachen vollständig gepackt sein. Unser Bergführer Marcel schärfte uns ein, dass wir um halb zwei morgens losgehen werden, denn je später wir den Gipfel erreichen würden, desto später würden wir absteigen und gerade der Abstieg sei in diesem Gelände und aufgrund anhaltender Sonneneinstrahlung Lawinen gefährdet. Und auch Eisschlag, Seracs hatte es in den letzten Jahren immer wieder gegeben und einigen Bergsteigern das Leben gekostet. So packten Dani und ich unsere wenigen Sachen zusammen und krochen mit gemischten Gefühlen früh in unsere Schlafsäcke. Um 1 Uhr gab es für alle, die auf den Mont Blanc wollten Frühstück. Ich schaffte es zu Belustigung der Frühstücksrunde, bei der eh schon knappen Zeit, Müsli auf dem Boden des Gemeinschaftsraums zu verteilen, da der Müslispender sich verklemmt hatte. So schnappte ich mir einen Besen und kehrte rasch die Unordnung zusammen. Vom Hüttenwirt erhielten alle Bergsteiger noch warmen Tee mit auf den Weg. Ich hatte zudem noch meine Trinkblase mit Wasser gefüllt. 3 Liter! Das war zwar nicht vernünftig, da dies enormes Zusatzgewicht bedeutete und mir klar war, dass das Wasser zumindest in der Kälte zeitweise gefrieren könnte, aber erstens war die Tour lang und ich trinke für gewöhnlich sehr viel und Marcel schätzte mich als fit genug ein, das Zusatzgewicht ohne Probleme bewältigen zu können.

Um Punkt halb zwei Uhr hatten wir unsere Steigeisen befestigt und stiegen von der Cosmique Hütte ab. Dann ging es über den Col du Midi steil bergauf bis zur Nordflanke des Mont Blanc du Tacul. Marcel ging voran. Ich folgte mittig und Dani bildete in unserer Seilschaft die Nachhut. Marcel machte im Steilhang große Schritte und ich versuchte zu folgen, was enorme Kraft in meinen Oberschenkel benötigte. Mit kleineren Schritten wäre der Rhythmus unserer Seilschaft aber nur schwer möglich gewesen und ich hätte in noch unberührten Schnee steigen müssen, was ebenfalls viel Kraft gekostet hätte. Der Puls war am Anschlag. Wir ließen die erste Gletscherspalte und den Mont Blanc du Tacul links liegen. Wir machten oben eine kurze Trinkpause und stiegen dann in den Gletscherboden des Col Maudit ab. Dann ging es hinauf zur Schlüsselstelle. Nun ging die Sonne auf. Wie erwartet, war das Wasser im Schlauch meiner Trinkblase gefroren und ich war froh noch den warmen Tee des Hüttenwirts in meiner Isolierflasche zu haben.

Steile Hänge hinauf

Die Schlüsselstelle der Tour ist eine Steilflanke, die aus Eis besteht und eine Steigung von über 100 Prozent aufweist. Sie führt zur über 4.300 m hoch gelegenen Schulter des Mont Maudit. An der Eiswand befindet sich ein Fixseil. In der Mitte der rund 70 Meter hohen Wand befindet sich ein Hacken zur Zwischensicherung. Marcel kletterte vor. Dann sollten Dani und ich folgen. Um die Wand zu erklettern, ist es nötig mit den beiden Frontzacken der Steigeisen in der Wand Halt zu suchen und mit den anderen beiden Händen Pickel und Fixseil zu nutzen. Ich stieg vor Dani in die Wand ein und schnell merkte ich, dass es einfacher ist, das Tempo hochzuhalten, als statisch in der Wand zu hängen. Dies erfordert dann zwar weniger Kraft jedoch mehr Kondition und mehr Atemluft, was bei dieser Höhe und dem wenigen Sauerstoff leichter gesagt als getan war. Dennoch schafften wir die Wand ohne Probleme.

Vom Col du Mont Maudit weiter bergauf

Dann erwartete uns erneut ein Abstieg. Es gab einige Gletscherspalten. An einer der Spalten, war es nicht klar, wie ausgedehnt die Spalte war und ob der obere Teil an den Rändern nur mit verwehtem Schnee bedeckt war. Marcel testete an einer Stelle den Untergrund und sicherte sich dafür mit einer Eisschaube. Ohne erfahrenen Bergführer hätte ich hier nicht unterwegs sein wollen. Mittlerweile war es hell und die Sonne wärmte uns. Die intensive Strahlung in dieser Höhe war deutlich zu spüren. Nun erwartet uns der letzte Anstieg. Technisch waren keine Herausforderungen mehr bis zum Gipfel zu bewältigen. Jedoch waren die letzten 500 Meter steil und das Gehen durch den Schnee war auf dieser Meereshöhe enorm anstrengend. Auf den finalen Metern konnte ich mir selbst beim Denken zuschauen. Jeder zweite Gedanke war: „verdammt ist das anstrengend!“. Der Sauerstoffgehalt beträgt in dieser Höhe ein Drittel weniger als im Flachland. Ich überlegte, ob ich überhaupt noch den Arm heben sollte, um mich mit dem Stock abzustützen, oder ob das Heben des Armes schon zu viel Sauerstoff verbrauchen würde. Ich versuchte mich zu konzentrieren, die „leichtesten“ Stellen im Schnee für meine Schritte zu suchen, denn jeder unbedachte Schritt könnte zusätzlichen Krafteinsatz für das Stabilisieren und Halten des Gleichgewichts benötigen. Offensichtlich ging es meinen beiden Mitstreitern nicht anders. Mit dem wenigen Sauerstoff ist es ein wahrer Kraftakt. Doch schließlich erreichten wir den Gipfel. Mir schossen die Tränen in die Augen. Es war ein bewegender Moment auf dem Gipfel zu stehen und rund herum auf alle anderen Gipfel hinunterblicken zu können. Auf dem Dach der Alpen angekommen! Aus der anderen Richtung kamen die ersten Bergsteiger über den Normalweg, die Gouter Route, auf dem Gipfel an. Der Wettergott hatte mitgespielt und mit dem wolkenlosen Himmel war die Fernsicht gigantisch. Allzulange konnten wir auf dem Gipfel nicht verweilen, denn es wartete ein langer Abstieg auf uns und die Lawinengefahr stieg mit jeder Minute an.

Langwieriger Abstieg

Mittlerweile war die Strahlung so stark, dass es richtig warm wurde. Ich zog meine Hardshelljacke aus und stieg nur mit meinem langen Unterhemd weiter ab, welches sogar immer noch zu warm war. Nur einmal zogen ein paar Schleierwolken an der Sonne vorbei und schlagartig wurde es kalt und wir merkten die reale Lufttemperatur, die nur wenig über Null Grad betrug. Der Abstieg über die Eiswand gelang ohne Schwierigkeiten. Dabei kamen uns noch einige Bergsteiger entgegen. Auch bei unserem weiteren Abstieg Richtung Mont Blanc du Tacul. Marcel schüttelte den Kopf. Das war gefährlich! Für die Besteigung des Mont Blanc waren die Bergsteiger bereits viel zu spät dran. Marcel trieb uns zur Eile. Er blickte immer wieder zu den Eis und Schneemassiven hinauf, die bedrohlich über uns thronten. Jederzeit könnte sich ein Serac lösen und uns hinwegfegen. Wir waren müde, aber wir mussten uns konzentrieren, denn in den steilen Flanken, kann man bei Unachtsamkeit schnell ins Rutschen kommen. Zudem wurde der Schnee unter der Sonneneinstrahlung allmählich pappig und sulzig. Schließlich erreichten wir wohlbehalten das Col du Midi. Als letzten Kraftakt, mussten wir noch zur Bergstation hinauf, wo uns Touristen unter Applaus begrüßten.

Blick auf Col du Midi und Refuge des Cosmiques beim Abstieg
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